
Die Schleuse unter der Krypta
Erschienen in "Anthologie der rätselhaften Phänomene" (Anthologie-Band) bei EuGeP textzeichen.de, Düsseldorf, 2004, ISBN 3-933570-07-7.
Leseprobe:
Begonnen hatte alles in einer verruchten Spelunke, wo er diesen abstrusen Typen namens Rufus kennenlernte. Maik kannte nicht einmal seinen Nachnamen, falls er überhaupt einen besaß. Er hatte die Abmessungen eines mittleren Kleiderschrankes und musste um die dreißig sein; obwohl eine auch nur halbwegs sichere Abschätzung seines Alters nahezu unmöglich erschien. Ledermütze, australischer Regenmantel, Stiefel mit Sterlingsilberbeschlag und ein Tatoo, das einem Schamanen Respekt eingeflößt hätte. Die Augen verbargen sich hinter einer aufdringlich coolen Ray Ban, der Dreitagebart hatte eher seit vier oder fünf Tagen keine Klinge mehr gesehen. Interessant, geheimnisvoll und unergründlich, so Maiks erster (und einziger) Eindruck. Es dauerte nicht lange, bis die beiden einsamen Wölfe im Chor jaulten – es erforderte gerade einmal einen Zeitraum, der notwendig war, um zwei Flaschen der Hausmarke zu leeren.
"Ich sage dir ... da existieren Dinge, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht ausmahlen kannst!", waren die orakelhaften Worte, die Maiks Neugier mehr forderten, als es ihm lieb gewesen wäre, hätte er den Lauf der Dinge gekannt. "Die Welt ist anders, als die meisten von uns glauben!", lallte der Dunkelmann geheimnisvoll hinterher, und entbrannte in Maik ein Buschfeuer perfidester Art, das ihn schlagartig nüchtern werden ließ. Dieser Typ war einfach eine Spur zu skurril, als dass Maik es mit hohlem Gewäsch hätte abtun können.
"Wie meinst du das?", wollte er wissen, doch Rufus stellte sich quer.
"Das werde ich dir nie erzählen, so wahr ich Rufus heiße und Hüter der Geheimnisse bin!" Dies sagte er in dem Wissen, dass Maik nun sein Gefangener war. Mehr als dies: sein Opfer! Nur wusste Maik es nicht. Maik wusste nichts, gar nichts. Und selbst das drang nicht an sein Bewusstsein. Auch nicht, dass er in diesem Moment zum Spielball von Ereignissen degradiert wurde, deren Gegenwart er nicht einmal erahnte. Er stolperte in ein Panoptikum von Grenzbereichen, deren Auswüchse selbst seine bizarrste Fantasie nicht zu greifen vermochte.
"Wenn du die Parallelen kreuzt, werden sie dich vernichten. Und anschließend den Rest der Menschheit!", war die düsterste Prophezeiung des Rufus. (Nostradamus hätte es kaum besser machen können.) Und schließlich folgte der mehr oder minder eindeutige Hinweis, wo sie zu finden waren, die Geheimnisse der anderen Welt: "Betritt niemals die Räume unter der Krypta!", sagte er in einem Tonfall, der so vollgepackt war mit Bedrohlichkeit, dass es Maiks Rücken kalt benetzte.Damit war Maiks Ziel erfasst! Er konnte nicht anders, selbst wenn er es gewollt hätte. Ob es nun die Überdosis Fusel war, die Rufus derart die Zunge gelöst hatte, oder eine Art Selbstzerstörungstrieb, konnte Maik nicht ergründen, jedenfalls hatte der Finstermann seinen Adlatus geimpft – und damit seinen schlimmsten Feind aktiviert.
Das Netz
Erschienen in "Deutschland in 30 Jahren" (Anthologie-Band) bei EuGeP textzeichen.de, Düsseldorf, 2004, ISBN 3-933570-08-5.
Leseprobe:
Zoltan Lüneberg ist einer der letzten, die das perfide System der alles umfassenden Netzstruktur noch einigermaßen im Griff hat (schließlich hat er wesentliche Teile davon mitentwickelt). Vielleicht der letzte Digital-Mohikaner. Ein Unikum der besonderen Art. Meister der Bits und Bytes. Aber auch nebenberuflicher Ketzer. Und das Ziel seines heutigen Unmutes sind diese verdammten neuroelektronischen Implantate, die jeder Bürger in einer Hauttasche am Oberarm trägt. Digitale Visitenkarten, elektronische Ausweise, Datenpool für jede nur denkbare Information, die man einem Menschen entlocken kann (und bisweilen auch mehr). Kontaktloser Schreib- und Lesezugriff im Umkreis von fünf Metern und mehr, Sender und Empfänger im Mikrochip integriert. Den Jüngeren ist das gleichgültig, sie sind mit den Dingern aufgewachsen, als sei es ein Körperteil. Doch Zoltan kennt noch die Zeit der ruchlosen Geheimnisse. Es gab Menschen, über die so gut wie nichts bekannt war. Dunkelmänner. Finsterlinge übelster Art. Besonders einer von Ihnen, Namens Rufus, ist ihm noch in bester Erinnerung ... aber das ist eine andere Geschichte. Nun, es gibt sie auch jetzt noch, aber der Straftatbestand des unerlaubten Entfernens vom Netz wird mit drakonischen Mitteln geahndet.
Zoltan weiß das. Auch er hat den Chip einmal manipuliert. Natürlich hätte er sich das Implantat (wie so mancher Masochist) auch selbst entfernen können, doch das Herausreißen der Anker stellt ein Erlebnis ganz besonderer Art dar. Und natürlich lockte ihn sein ausgeprägter Spieltrieb (obwohl er sonst ein eher bodenständiger Typ ist, der an eine undefinierte Art von höherer Gerechtigkeit glaubt).Es war nicht leicht, den Code zu knacken, aber Zoltan wäre nicht Zoltan gewesen, hätte ihn das abgeschreckt. Zuerst wollte er die Daten einfach nur löschen, doch dann ritt ihn irgendein unseliger Teufel. Er überschrieb den Chip mit neuen Werten, was dazu führte, dass sein nächster Arztbesuch in einem Debakel endete. Der Chip wies Zoltan Lüneberg als Konrada Zuse aus. Diagnose: Schwangerschaft im zehnten Monat. Doch sein Körper wies aus unerfindlichen Gründen keinerlei anatomische Merkmale auf, die auf ein weibliches Geschlecht hindeuteten, geschweige denn, auf eine Schwangerschaft – definitiv nicht! Was den Arzt (es handelte sich um einen eher humorlosen Vertreter seiner Zunft) dazu veranlasste, den Behörde hört mit-Schalter zu betätigen. Was wiederum dazu führte, dass Zoltan der staatlichen Administration für Datensicherheit überstellt wurde. Abteilung MhD (Missbrauch humanselektiver Datenstrukturen). Auf die Frage, was ihn dazu veranlasst hätte, den Chip zu manipulieren, antwortete er lakonisch: "Ich hatte das Gefühl, er will es so. So ein Schlingel!"
Das Geschenk der Hagazussa
Erschienen in "Fantasie im Elfenreich" (Anthologie-Band) bei Elfenverlag, Sangerhausen, 2005, ISBN 3-937410-07-4.
Leseprobe:
Naiga streifte gern durch das unergründliche Moor, so auch in dieser Nacht. Das feuchte Moos streichelte zart ihre nackten Füße, in das sie tief einsanken. Sie kannte die sicheren Pfade und Übergänge. Überall leuchteten und funkelten die Flammen der Fackelgeister, doch sofern man ihnen näher kam, wichen sie zurück. Niemand hatte es bisher geschafft, sie aus der Nähe zu sehen. Niemand bis auf die Einhörner dieser Gegend, die eine besondere Art von Magie ihr Eigen nannten. Einhörner – Naiga hatte oft beobachtet, wie sie lautlos über die moosbedeckten Weiten trabten ohne den geringsten Laut zu verursachen; als ob sie schweben würden. Diese Geschöpfe schienen zu leuchten. Ein zarter Schimmer umgab sie wie eine Aura. Die Hörner aber strahlten ein gleißendes Licht aus, das die Augen schmerzen ließ wenn man direkt hineinsah. Wie gern wäre Naiga einmal auf ihren Rücken durch diese scheinbar verwunschene Landschaft geritten! Aber sie waren noch um Vieles unnahbarer als die Fackelgeister. Doch in dieser Nacht geschah etwas seltsames. Naiga stand – wie so oft – traumverloren inmitten des Moores und versuchte die Fackelgeister zu zählen. Was ihr aber – wie immer – nicht gelang, denn sie waren wahre Meister der Täuschung. Der Mond legte ein silbernes Licht über die Landschaft, spiegelte sich in Tümpeln und warf sanfte Schatten auf das Moos. Es war eine Nacht zum Träumen. Was dies in Naigas Fantasie bedeutete, entbehrte jeder auch noch so gehaltvollen Beschreibung. Sie lebte ihre Träume. Mehr als das, sie ließ ihre Träume wahr werden. Sie baute eine Brücke über das Tal der Zwiespalte und ließ Welten miteinander verschmelzen, die nicht dazu bestimmt waren, sich zu berühren.Naiga erschrak so heftig, dass sie beinahe laut aufgeschrieen hätte, als ein glutheißer Atem ihren Nacken berührte und sie unsanft aus ihrer Verträumtheit riss. Sie fuhr herum, stolperte in der Bewegung und schlug lang hin.
Das Siegel der Tawor-Hexe
Erschienen in "Ambra Gem – Die Hexe im Stein / Die Tawor-Hexe" (Serien-Debüt-Band) bei Intrag Publishing, Los Angeles/CA, 2004, ISBN 1-933-14000-3.
Leseprobe:
Als die Nacht hereingebrochen war, erhellten unzählige Fackeln, Öllampen und Kerzen die gesamte Burg. Ein wahres Lichtermeer ließ keinen Raum für den kleinsten Schatten. Und hätte es einen gegeben, so wären dutzende von emsigen Lichtwesen, die überall herumschwirrten, unbarmherzig über ihn hergefallen, um ihn zu läutern.
Nachdem die Ratsmitglieder unter fahrigem Geschwätz ihre Plätze eingenommen hatten, betrat Gameta den Saal. Hinter ihm schloss sich lautlos die schwere Tür. Allein sein Erscheinen ließ das Gemurmel augenblicklich verstummen und Ruhe den Raum fluten.
"Die Stunde des Überganges ist gekommen – die Sonnen wechseln ihre Position", eröffnete er die Zusammenkunft.
Alle erhoben sich und lauschten voller Andacht dem unergründlichen Singsang des Druiden, der die Kräfte der Erneuerung anrief. Im Anschluss sprach er einige Formeln, die der Friedfertigkeit und der Weisheit gewidmet waren. Schließlich legten sie gemeinsam das Gelübde der gegenseitigen Achtung und Anerkennung ab, wie es Brauch war. Erst im Anschluss an diese Zeremonie wurden die wenigen Gäste hinzugebeten, die Gameta ausgewählt hatte. Jeder Einzelne handverlesen. Unter ihnen Vega – eine Entscheidung, die nur auf wenig Einvernehmen stieß, denn Tawor-Hexen waren nicht gern gesehen in diesem erlauchten Kreis. Zu dubios waren ihre eleusinischen Eigenarten, zu undurchschaubar und zweifelhaft ihre seltsamen Umtriebe. Man schätzte wohl ihre magischen Begabungen, doch ihre Nähe suchte niemand wirklich.
Als die Tawor-Hexe den Saal betrat, setzte ein vernehmliches Raunen ein, doch keiner der Anwesenden wagte es, gegen die Entscheidung des Druiden zu intervenieren. Vega durchschritt katzengleich den Saal, umrundete gemächlich den Tisch und ließ ihre Augen aufblitzen. Jede ihrer sinnlichen Bewegungen zeugte von innerer Genugtuung. Außerdem hatte sie es sich nicht nehmen lassen, das leuchtend rote Festgewand der Tawor-Hexen anzulegen, das deutlich mehr von ihrem Körper preisgab, als zu verbergen. Ein Skandal sonder Gleichen! Es ließ sie erscheinen wie ein Feuersturm inmitten einer faden Einöde. Sie beendete genüsslich ihren Schleichgang und nahm an der Seite von Gameta Platz. Das unmerkliche Schmunzeln, das seine Mundwinkel kaum bewegte, nahm nur sie wahr.
Dann folgten einige Repräsentanten von Samar, Gesandte aus den ferneren Provinzen, sowie Handelsreisende und Vertreter wichtiger Häuser.Zuletzt betrat Lewi-Sha den Saal. Seinen Lederpanzer hatte er gegen ein schlichtes, aber dem Anlass entsprechendes Gewand ausgetauscht. Als Vega ihn sah, verzerrte ein schrilles Grinsen ihr Gesicht, das sie aber sofort wieder verscheuchte. Der Hüne beeilte sich, seinen Platz aufzusuchen und mied jeden Blickkontakt. Wäre Vega solcher Gefühle fähig gewesen, er hätte ihr in diesem Moment Leid getan.
Wandel der Elemente
Erschienen bei: Kurzgeschichten.biz (Ausgabe 03/2006), Print & Media 2005 Ltd.; Wakefield, West Yorkshire, Zweigniederlassung Deutschland, Offenburg.
Leseprobe:
Die Distanzen nehmen zu, es wird älter, reifer. Und resoluter! Das Rinnsal ist angewachsen zu einem Bach, der Spieltrieb übergegangen in Entdeckungslust. Immer häufiger verlässt es den vorgegebenen Verlauf, um neue Wege zu suchen und neue Möglichkeiten zu finden. Es beginnt Blasen zu werfen, übermütige Spritzer zu durch die Luft zu jagen und seinen Untergrund zu verschleiern. Hin und wieder spült es Sand und Kiesel von ihren angestammten Plätzen weg oder bricht kleineren Hindernissen das Genick. Es kitzelt nicht mehr, es beginnt zu kneifen und zu zwicken. Turbulente Strömungen tanzen wilder und wilder zur Musik, die aus vernehmlichem Gurgeln und leichtem Rumoren hervorgeht. Begleitet vom Chor der Wald- und Berggeister, die hier ihr Wesen und Unwesen treiben. Nicht dass es bösartig wäre, es wird schlicht und einfach energischer ... und stärker. Es beginnt damit, seinen Lebensraum zu erforschen und sich selbst darin zu finden. Es sucht seinen Platz, seine Aufgabe und seine Bedeutung in der Welt der Elemente. Zunehmend formt es seinen Weg selbst, sofern das fragile Gleichgewicht von Untergrundbeschaffenheit und Bewegungsenergie dies zulassen. Größere Hindernisse werden geschickt umflossen, in die Zange genommen und mit stetem Tropfen gehöhlt. Bei kleineren Hürden erfolgt die Attacke durch perfiden Frontalangriff oder rückwärtiges Meucheln. Immer tiefer und breiter wird das Bett, um immer mehr des feuchten Elementes aufzunehmen. Immer weitere Zuflüsse mehren Kraft und Energie der fließenden Masse. Wie ein Adergeflecht schlängelt es sich durch den steinernen Koloss und gräbt Furche um Furche in sein hartes Äußeres. Schließlich mutiert es zum Plagegeist für den alten Felsen, treibt tiefe Narben in seinen Körper, bringt ihm schmerzende Wunden bei und fräst sich wie eine Kettensäge in sein Mark. Es wird zur wilden Furie, die mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Schluchten schießt, als wolle es sich selbst überholen. Mit brachialer Gewalt schlägt es um sich, als wäre es die rechte Hand des Teufels der Zerstörung. Tosende Sturzbäche gehen über in brüllende Wasserfälle. Braun hat es sich verfärbt und schäumt wie eine höllische Bestie im Blutrausch – wehe dem Unglückseligen, der ihren Weg zu kreuzen wagt. Mitgerissen, gegen harte Felswände und spitze Grate geschleudert, gebrochen, geschunden, vernichtet. Nichts würde übrig bleiben. Als würde es diamantene Werkzeuge benutzen, schlägt es die Klamm aus dem Gestein. Das wilde Rauschen betäubt die Ohren, wirkt ebenso gefährlich wie bedrohlich. Doch das wahre Gesicht der Hydra offenbart sich erst, wenn sie ihre Helfer und Helfershelfer ruft: tobende Gewitter, sintflutartige Regengüsse, donnernde Stein- und Geröllmassen, orkanartige Stürme – die Vereinigung der vier Elemente. Dann entfacht es wahre Feuerwerke der Gewalttätigkeit und Verwüstung, spült Felsbrocken weg, als wären sie Spielzeug, bricht Baumstämme wie Streichhölzer und fegt massive Brücken wie Papierdrachen in den Abgrund. Gespickt mit brachialen Wurfgeschossen und tödlichen Speeren wälzt das zum Dämon erwachte Rinnsal alles nieder, was sich aus dem Boden erhebt. Erschlagen, gepfählt, zerschmettert.
(C) Bernhard Chlebowski
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