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von: Bernhard Chlebowski, (C) 2008

Alle Flutwehre standen weit offen. Das war kein Regen mehr - nichts vermochte diese grässliche Dunkelheit zu beschreiben, die das Land in ihren Würgegriff genommen hatte. Ein beklemmendes Drücken, das den Kopf regelrecht zwischen die Schultern presste und den Rücken durchbog. Dabei hatte der Tag so gut begonnen, alles deutete auf Karibik-Feeling hin. Und jetzt ...
Niederfrequentes Donnergrollen ließ die Eingeweide in eine leichte Schwingung geraten und löste Gefühle aus, die nicht nur für Sturzbäche von Angstschweiß sorgten, sondern den ohnehin irritierten Sinnen die Konturen von Racheengeln vorgaukelten. So mochte es aussehen, das Ende der Welt. So, oder ähnlich jedenfalls, zeigten manche Stiche oder Ölgemälde das herannahende Armageddon. Ob es wohl mit diesem seltsamen Phänomen zusammenhing, das in der letzten Nacht bei Astronomen und Hobbyspähern für Unruhe gesorgt hatte, fragte sich Roland Weihausen. Wie aus dem Nichts war es als kleiner unscheinbarer Punkt am Nachthimmel aufgetaucht, hatte sich mit rasender Geschwindigkeit zu einem gigantischen Halo aufgebläht und war schließlich mit einem infernalischen Lichtblitz in diese Welt eingedrungen. Doch die furchtbaren Folgen, die einen Kometeneinschlag begleitet hätten, blieben aus. Weder Feuer in der Atmosphäre noch Tsunamis, weder Erdbeben noch Orkanböen. Die Elemente schwiegen. Nicht der leiseste Ton hatte das gespenstische Geschehen begleitet. Totenstille lag wie eine Löschdecke über dem Ereignis. Eine unwirkliche und beklemmende Regungslosigkeit hüllte den gesamten Planeten ein.
Nur er - Roland Weihausen, ungläubiger Ketzer und Leugner der Naturwissenschaften - sah die wahren Zusammenhänge. Zumindest meinte er das, denn im Grunde gab es weder Deutungen noch Erklärungen für diese abstrusen Absonderlichkeiten. Für ihn waren es Spannungsrisse in den innersten Strukturen des Universums. Tektonische Entladungen in unendlich gefalteten Dimensionen. Neuronale Impulse in einem gigantischen System voller unergründeter und nicht verstandener Wechselbeziehungen. Ein Schlag ins Gesicht der wissenschaftlichen Erkenntnis. Irgendetwas rüttelte mit brutaler Gewalt an der Realität und wollte sie scheinbar bis zur Unkenntlichkeit verbiegen.
Oder sie zu dem läutern, was sie im Grunde war: Illusion. Eine in sich perfekte Scheinwahrheit, entstanden aus myriaden von unvollständigen Sinneseindrücken und Interpretationen eines Gehirns, das sich wohl seiner eigenen Existenz, nicht jedoch seiner Funktionsweise bewusst ist. Ein Trug, aufgearbeitet aus einer reduzierten Datenmenge.

Weihausen hatte seit diesem Ereignis das vernehmliche Gefühl, dass etwas seinen Geist lähmte. Etwas war in seinen Kopf eingedrungen und fuhrwerkte nun in seinem Emotionalgefüge herum wie ein außer Kontrolle geratener Atomsprengkopf. Ein zähflüssiges Sekret kroch in den Schädel, ergoss sich über das Neuronalgeflecht und versickerte irgendwo in der Unergründlichkeit dieser komplexen Struktur. Dieses Ereignis zerrte an seiner Seele. Mit brachialer Gewalt trieb es ihn in ein Labyrinth sich gegenseitig verstärkender Aussichtslosigkeiten. Resonanzen paranoider Gedanken, deren letzte Konsequenz nur eines sein konnte: Suizid.

Sein Körper triefte vor Nässe. Der Regen - von einem tobenden Orkan zu einer Wasserwand verdichtet - schien ihm sämtliche Körperflüssigkeiten herausspülen zu wollen. Eisige Sturzbäche weichten die Haut auf und suchten begierig nach jeder greifbaren Körperöffnung, um sie zu fluten. Wie sein eigenes Gespenst schleppte er sich durch die Nacht, gequält von wahnwitzigen Vorstellungen und dämonischen Erscheinungen. Weihausen glich einem Gewürm, das sich fortbewegt um der Fortbewegung willen. Getrieben von niederen Instinkten und animalischen Trieben. Das Gehirn ausgehöhlt wie eine taube Nuss - staubige Fasern vertrockneter Gefüge. Bleierner Stumpfsinn, aufgebläht zu einer gigantischen Barriere, die einfach alles abschottete, was diesen Geist einmal ausgemacht hatte. Dunkle Schatten von Wahnsinn senkten sich herab, Anflüge von Delirien blitzten durch die graue Monotonie seiner morbiden Zwischenwelt.
Ein unsichtbarer Faden dirigierte Roland Weihausen wie eine Marionette zu seinem finalen Ziel: die Dachterrasse des Frankenturms, weithin sichtbarer Beweis für Anmaßung am Bau. Das mit Abstand höchste Gebäude des Landes, Lustgarten für Späher und Springer jeder Art. Nur hier konnte er sie hören: Sirenen, deren betörender Gesang ihn einlullte wie ein zarter Schleier, der sich wohlduftend über die Haut legt. Ein Ruf der Chimären seiner zur Substanzhaftigkeit gewordenen Wahnideen.
Weihausen hatte sich verlaufen. Verirrt in der Vielgestaltigkeit des Raumzeitgefüges. Er hatte Sphären gekreuzt, die ihm eigentlich verwehrt waren. Und nun hatte der Teufel selbst den Ketzer an den Haken genommen, um ihn durch den Hades zu schleifen.
Dass er selbst dieser Teufel war, drang nicht an sein Bewusstsein. Ein Teil seines Selbst hatte sich separiert und bohrte dem verbleibenden Rest eine eiserne Kralle in das Mark. Ein schizoider Dämon hatte den, der einmal Roland Weihausen war, zu einem Konglomerat von Zwiespältigkeit gemacht, das sich selbst widersprach.

Weder ein Fallschirm noch ein Bunji-Seil belästigten seinen freien Fall, nachdem er sich vom Geländer abgestoßen und die Arme wie die Schwingen eines Adlers ausgebreitet hatte. In der festen Überzeugung, die mäßige Aerodynamik seines Körpers überlisten zu können, überließ er sich dem wütenden Sturm, der ihn in seinen finalen Seelenfrieden treiben sollte.
Und der kam ... abrupt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im Bruchteil einer Sekunde durchlebte er alle Höhen und Tiefen seines (und ungezählter anderer) Leben. Schließlich wähnte er sich da, wo er immer sein wollte: im Garten der Götter. Er fand dort alles was er bisher vermisst hatte - seinen Tod ...




Copyright: Bernhard Chlebowski

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